Das Gesicht der deutschen Reitsportwelt: Meredith Michaels-Beerbaum - 05.07.2008


von Marlon Gego (Aachener Zeitung)

Aachen/Stolberg. Einmal hat Meredith Michaels-Beerbaum ihren Fanclub wirklich gebraucht, 2004 war das, beim CHIO in Aachen. Am Abend vor dem Großen Preis wurde bekannt, dass ihr Pferd Shutterfly positiv getestet worden war, Doping, die Nachricht, sagte Michaels-Beerbaum, habe sie vollkommen unvorbereitet getroffen.

Im Fernsehen sagte irgendwer, Michaels-Beerbaum habe ihre Fans betrogen und enttäuscht. Dass sie nicht mit zu den Olympischen Spielen in Athen fahren würde, war noch am selben Abend beschlossene Sache. Ein Abend wie ein Erdbeben, die ersten sprachen vom Karriereende einer Reiterin, die dem Höhepunkt ihrer Karriere ganz nah gekommen war.

Am Sonntag bereitete sie sich ganz normal auf den Großen Preis vor, aber als sie Richtung Abreiteplatz zu ihrem Pferd ging, da hat sie sich spontan entschlossen, auf den Start zu verzichten.

Und dann stand da Judith Steinfeld aus Stolberg am Abreiteplatz.

Judith Steinfeld drückte ihr im Vorbeigehen eine Karte in die Hand, auf der stand, dass sie hinter ihr stehe, dass sie nicht enttäuscht sei, und dass sie glaube, Michaels-Beerbaum habe nicht gedopt. Die Karte trug die Unterschriften von vier Mitgliedern ihres Fanclubs.

Michaels-Beerbaum ist den Großen Preis dann doch geritten, berücksichtigt man ihre Fähigkeiten, lief es nicht gut. Aber den Rückhalt ihrer Fans gespürt zu haben, das sei «ein ganz tolles Gefühl und eine ganz große Hilfe» gewesen. Und als Meredith Michaels-Beerbaum vier Jahre später von diesem Tag erzählt, da steigen ihr noch immer die Tränen in die Augen.

Als die gebürtige Amerikanerin 1998 die deutsche Staatsbürgerschaft erhielt, prognostizierten viele, sie würde nie ein größeres Championat für Deutschland reiten, schon weil sie eine Frau sei. Zehn Jahre später ist Meredith Michaels-Beerbaum, 38, die erste Frau an der Spitze der Springreiter-Weltrangliste, die erste Frau, die Deutsche Meisterin bei den Herren geworden ist, dreifache Europameisterin und Favoritin auf den Sieg am Sonntag im Großen Preis von Aachen und vor allem auf den Olympiasieg im Jagdspringen von Hongkong. Sie hat den Sport verändert, vor allen Dingen für Frauen, und nebenbei ist sie der Superstar, den Randsportarten so dringend benötigen, um ein Mindestmaß an öffentlicher Wahrnehmung zu erhalten. Meredith Michaels-Beerbaum ist das Gesicht einer ganzen Sportart, wenigstens in Deutschland.

Menschen, die den Reitsport nur in Aachen beim CHIO erleben, machen oft den Fehler anzunehmen, wie hier sei es auf vielen Reitturnieren, aber das stimmt nicht. Auf keinem Reitturnier gibt es so viele Zuschauer, kaum eines dauert so lange, zu keinem kommen so viele Journalisten, von keinem wird mehr berichtet als aus Aachen. Deswegen sind die Tage in der Soers für die Reiter immer so etwas wie eine Woche unter der Lupe, der Alltag der Reiter wird hier mit sich selbst multipliziert, sie sind hier öffentlicher als sonst irgendwo, auch weil Medien und Publikum hier ganz nah herankommen.

In diesen Tagen von Aachen erlebt man, wie Meredith Michaels-Beerbaum in Beschlag genommen wird, sie hat kaum eine Minute, in der sie für sich ist und zur Ruhe kommen kann. Autogrammstunden, Interviews, dann will das Fernsehen ein Statement, und neben der Fernsehkamera warten schon Journalisten, um Fragen stellen zu können. Man wundert sich, wie sie hier überhaupt noch ans Reiten denken kann.

Donnerstagmittag hatte sie einen Sponsorentermin, ein Autofabrikant hatte zum Mittagessen mit Michaels-Beerbaum geladen, etwa 20 Journalisten durften eine halbe Stunde lang Fragen stellen. Persönliches wurde von niemandem angesprochen, Michaels-Beerbaum besitzt diese Aura der Unnahbarkeit, die private Fragen abwehrt wie ein Schutzschild, noch bevor sie gestellt werden. Es ging um ihre Pferde, welches am besten in Form ist, welches mit nach Hongkong geht und so weiter.

Meredith Michaels-Beerbaum sah aus wie eine Spitzenmanagerin, professionell geschminkt, ihre Augen waren unwahrscheinlich blau, ihre Gesichtszüge wirkten noch feiner als sonst. Sie antwortete routiniert und emotionslos, sie ist die Öffentlichkeit gewöhnt. Nur wer auf ihre rechte Hand geachtet hat, die ständig mit einem goldenen Ring am linken Mittelfinger gespielt hat, der ahnte, dass sie nicht so abgeklärt ist, wie es oft den Anschein hat.

Der CHIO dauert dieses Jahr mehr als eine Woche, eine Menge Zeit, um andere Reiter nach Meredith Michaels-Beerbaum zu fragen, wie sie ist, als Kollegin, als Konkurrentin, aber wen man auch fragt, man hört nur positive Antworten. Sie sei ein zugewandter Mensch, höflich, freundlich, offen, Öffentlichkeit lässt sie gerne zu, solange es ihre Konzentration auf den Sport nicht stört.

Als Mann seiner Frau

Markus Beerbaum, ihr Mann, ist auch in Aachen, selbst wenn er dieses Jahr nicht reitet, er ist ganz privat hier, als Mann seiner Frau. Er ist ein netter Mensch, man kann ihn einfach ansprechen, wenn er merkt, dass jemand wirkliches Interesse an ihm und seiner Frau hat, dann nimmt er sich ein bisschen Zeit. Er sagt, dass zwischen der öffentlichen Wahrnehmung seiner Frau und der wirklichen Meredith Welten lägen. Sie sei nicht so selbstsicher, wie sie sich gibt, sie brauche den Zuspruch der Menschen um sie herum, sie müsse spüren, sagt Beerbaum, dass jemand da ist, in dessen Nähe sie sie selbst sein kann.

Als Judith Steinfeld Meredith Michaels-Beerbaum kennengelernt hat, ging es Meredith nicht besonders gut. Sie lag in der Uniklinik Eppendorf und war gerade operiert worden. Judith Steinfeld hatte tags zuvor gesehen, wie Michaels-Beerbaum am vorletzten Sprung des Stechparcours im Championat von Hamburg gestürzt war: Schien- und Wadenbeinbruch. Da ist Judith mit zwei Freundinnen und Aufmunterungskarte ins Krankenhaus. Gute Besserung stand darauf, und andere Nettigkeiten. Sie gaben die Karte einer Stationsschwester, die sie in Michaels-Beerbaums Zimmer brachte und sofort wieder herauskam. Sie sagte den drei Mädchen, die Patientin ließe fragen, ob sie noch Zeit für einen Besuch im Krankenzimmer hätten.

Der Besuch dauerte mehr als eine halbe Stunde.

Herzliches Verhältnis zu Fans

Die Studentin Judith Steinfeld, 22, die 2003 den Fanclub gegründet hat, sagt, es gäbe keinen anderen Reiter, der ein derart herzliches Verhältnis zu seinen Fans pflege. Einmal im Jahr ist der ganze Club zu Gast bei den Beerbaums in Thedinghausen in der Nähe von Bremen. Vielleicht ist Michaels-Beerbaum auch deswegen so ein großer Star, weil sie keine Allüren und keine Berührungsängste hat. Sie ist sich ihrer Verantwortung bewusst, weil viele Menschen sich mit ihr freuen - aber auch mit ihr leiden.

Wenn man sie fragt, was die Menschen mal über sie sagen werden, wenn sie eines fernen Tages nicht mehr lebt, dann muss sie erst mal überlegen. Sie sagt, dass sie sich freut, für die Frauen in ihrem Sport so viel erreicht zu haben, aber wirklich wichtig sei vielleicht doch etwas anderes. «Es wäre schön», sagt sie, «wenn man mich als guten Menschen in Erinnerung behielte.»


von Marlon Gego, Aachener Zeitung